Customer's Voice / Fachthema
In dieser Rubrik möchten wir in loser Folge Kunden zu Wort kommen lassen oder Ihnen interessante Fachthemen vorstellen. Zu Beginn gleich ein Highlight - wir haben mit Diplom-Designer Andreas Deufel über Trends in der Automobilbranche gesprochen, über die Sehnsucht nach Harmonie und die neue Freude an alten Dingen.
Raffinesse auf den zweiten Blick
Aktuelle Trends in der Automobilindustrie
Diplom-Designer Andreas Deufel ist Typprojektleiter Design bei einem Automobilhersteller in Deutschland. In dieser Funktion ist er verantwortlich für die Designentwicklung mehrerer Fahrzeugbaureihen.
Herr Deufel, skizzieren Sie uns doch kurz die Trends der vergangenen Jahrzehnte im Fahrzeugdesign. Worauf schauen wir zurück?
Direkt nach dem Krieg spielte das Design in der Automobilentwicklung überhaupt keine Rolle. In dieser Zeit gab es den Beruf des Automobildesigners nicht – Ingenieure mit Formgefühl übernahmen die Gestaltung. Der VW Käfer beispielsweise war rund, weil die Bogenform ein zuverlässiges, stabiles Gefüge ist. Autos mussten in erster Linie zuverlässig sein – der Opel Kadett ist ein typisches Beispiel dafür. In den 50er Jahren ging der Blick in die USA – Elvis und der Rock ’n’ Roll prägten hier die Geschmäcker und sogar die deutschen Hersteller bauten ausladende Autos mit Heckflossen. In den 60ern etablierten sich Markenwerte. Aus dieser Zeit kennen wir die Bilder von einflussreichen Fabrikanten mit Zigarre am Steuer ihres Mercedes. In den 70ern wurden beeindruckende Designs entworfen – grosse Formen, auch wenn gleichzeitig die Flowerpower-Bewegung ihre Gegenposition im bemalten VW Bus ausdrückte. Ab Mitte der 80er Jahre war vor allem eine grosse Sachlichkeit und Kühle vorherrschend – so sachlich, dass sich die Marken zum Verwechseln ähnlich wurden. Die Autos, die wir heute kaufen können, entstanden in den 90ern. An den weichen Formen haben wir uns inzwischen satt gesehen. Die Schönheit dieser Fahrzeuge ist so perfekt, dass es langweilig, vorhersehbar wird. Deshalb zeichnet sich in der Zwischenzeit wieder ein Gegentrend ab – ein neuer Mut zu Dissonanz und Charakter. Die Autos sind heute in ihrer Eigenständigkeit erkennbar: die Italiener werden wieder italienischer, die Franzosen französischer.
Welche Anforderungen stellt unsere jetzige Zeit an ein Fahrzeug?
Unsere Lebensweise verändert die Ansprüche, die wir an ein Auto stellen. Weltweit verlangen wir heute mehr Raum, grössere Flexibilität und Variabilität. Die klassische Limousine wurde sportlicher in ihren Proportionen, aber formaler Anspruch alleine genügt heute weniger. Auch der Kombi, zu Beginn eindeutig ein „Malermeister-Auto“, hat sich stark entwickelt. Er ist heute ein Lifestyle-Produkt, bei dem in vielen Fällen entweder grossen Wert auf gutes Design oder auf ein ausgeklügeltes Raumkonzept gelegt wird. Vor dem Hintergrund dieser Nische hat sich neben dem Minivan der Softgeländewagen entwickelt, der Raum und Design verbindet. – Nehmen Sie zum Beispiel die „Soccer Mum“, die ihren Sohn, drei seiner Freunde und eine Menge Gepäck von einem Fussballspiel zum nächsten chauffiert. Gerade zu den sportlich orientierten Menschen passt ein Sport Utility Vehicle (SUV) einfach besser als der Minivan mit seinem Image als praktische Familienkutsche – allerdings soll der Geländewagen genauso komfortabel und hochwertig sein wie es die Limousine der Eltern früher war.
Und wo bleibt der Outdoor-Typ, der sich bisher über seinen Geländewagen abgrenzte, wenn nun die Soccer Mum sein Auto fährt?
Er bekommt einen „Hardcore-Look-SUV“ (lacht). Da zeichnet sich in den USA, unter anderem, eine interessante Entwicklung ab. Dort war der Pick Up jahrzehntelang das günstige Allzweckauto. In den letzten Jahren hat sich dieses Auto stark verändert: Bei fast allen Herstellern gibt es ein Derivat mit viertürigem Aufbau, edel und ähnlich komfortabel wie ein Mittelklassewagen, wobei die Ladefläche erhalten bleibt. Hier finden nun die „Macho-Men“ das Image, das sie wieder ausreichend abhebt.
Wie wirkt sich unsere Kultur auf Designentwicklungen aus?
Der Mensch heute sehnt sich stark nach Ruhe, Entspannung und einer harmonischen Umgebung. Gründe dafür finden wir sicherlich in der stetigen Beschleunigung unseres Lebensrhythmus durch die Kommunikationsmedien, die unüberschaubare Informationsflut oder den Zwang, ständig mehrere Dinge gleichzeitig tun zu müssen. Wir suchen einen Ort, an dem wir tief durchatmen können, eine Oase. Hier sind Einflüsse aus der asiatischen Wohnkultur auf das europäische Design erkennbar. Die Räume, die uns umgeben, sollen uns diese Ruhe, diese Ausgeglichenheit vermitteln und uns helfen, mehr bei uns selbst zu sein – egal ob es sich dabei um unser Wohnzimmer oder unser Auto handelt. Eine deutliche Folge davon ist die Reduktion auf das Wesentliche und der Respekt vor alten Dingen. Die Patina eines langen und erfüllten Lebens schätzen wir heute wieder viel mehr als früher – zum Beispiel in Form eines alten Massivholztisches, der gern einen Spalt in der Platte haben darf.
Wie spiegelt sich dieser Trend in der Ausstattung eines Autos wider?
Diese angesprochene Harmonie erreicht man durch ein zurückhaltendes, funktionelles Interior Design, das auf den ersten Blick sehr schlicht wirkt. Wichtig ist, dass alle Komponenten perfekt zusammenwirken und nichts störend auffällt. Nehmen wir zum Beispiel die Materialien: Der Trend geht wieder eindeutig zur Naturbelassenheit – das kann ein helles, offenporig gewachstes Holz sein, in Kombination mit einem hellen Nappaleder, das auch mal einen kleinen Fehler haben kann, weil es dadurch glaubwürdig und exklusiv wirkt. Das Kunstvolle, die Feinheit und Raffinesse entdeckt man oft erst auf den zweiten Blick. Konkret kann das ein spezieller Faden sein, mit dem das Leder vernäht wird oder ein dezenter Ring aus gebürstetem Aluminium als Einfassung einer Uhr. Diese Details machen Freude und prägen die Atmosphäre. Echte Materialien galten in der Automobilausstattung eine Zeitlang als zu teuer. Heute ist man glücklicherweise wieder eher bereit, dafür Geld auszugeben, denn Leder und Holz waren immer schon gut und teuer, aber dezent. Was nicht heisst, dass sie altmodisch wären, im Gegenteil: Die alten Materialien werden auf moderne Art und Weise eingesetzt. Gerade darin steckt der Aha-Effekt. Eine gewisse „Gentleman Nonchalance“.
Mit welchen Methoden sagen Sie die Trends voraus, die Jahre später aktuell sein werden?
Fortschrittliches Design ist meist eine Synthese aus Evolution und Revolution. Selbstverständlich müssen Designer Trendsetter sein – umso mehr, je längerfristiger man plant. Dabei arbeiten wir in unserem Team weniger mit wissenschaftlichen Methoden, um Entwicklungen messbar zu machen, sondern mehr aus dem Gespür der Mitarbeiter heraus – wenn bei vielen Spezialisten eine Idee zündet, Begeisterung für etwas Neues entsteht, dann wissen wir, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Mögliche Inspirationsquellen sind kurzlebigere Branchen wie Mode oder Innenarchitektur. Dort kann, aufgrund der kürzeren Zyklen, viel mehr experimentiert werden. Spannend für uns sind immer wieder auch die Ideen der Filmemacher. Sciencefiction-Regisseure zum Beispiel setzen sich sehr intensiv mit einer möglichen Zukunft auseinander, probieren viel aus. Sich darauf einzulassen, lohnt sich. – Will man ein erfolgreicher Trendsetter sein, muss man aktiv in der heutigen Zeit leben, die Umwelt bewusst in sich aufnehmen und verarbeiten. Man verbessert die Welt, indem man Dinge weiterdenkt. Wichtig sind Menschen mit Visionen, die sich getrauen, etwas durchsetzen. Dann besteht die grosse Chance, dass etwas entsteht, was es vorher nicht gab. Es braucht viel Mut, etwas wirklich Neues zu machen.